Segelgedanken IX

Wir stehen auf einer Brücke über einer kleinen Werft und bewundern die hübschen kleinen Holzboote, die dort im Wasser liegen. Die nächsten Sätze kreisen darum, was so ein Boot wohl kostet, dass man damit auf dem Bodensee der absolute Star wäre und welches man sich kaufen würde. Auf dem Rückweg versucht jemand, seiner Partnerin ein Sitzpolster für ein Boot anzudrehen. Die Frau sagt sie will es nicht haben. Er erklärt ihr was das Ding für unglaubliche Vorteile hat. Warum müssen wir alles besitzen? Oder vielleicht gehen wir die Frage mal anders an: Wie oft war ich glücklich darüber, etwas zu kaufen? Und bei wie vielen Dingen bin ich wirklich glücklich darüber, sie zu besitzen?
Bei mir selbst lauten die Antworten auf die beiden Fragen: Oft und Überschaubar. Es gibt nicht vieles, über das ich wirklich froh bin, es zu haben. Die meisten Dinge sind in Ordnung, solange sie keine Schwierigkeiten machen und gehen mir danach auf die Nerven. Also woher kommt der Drang, sie besitzen zu müssen?

Segelgedanken VI

In einem guten Urlaub kommt für mich irgendwann der Punkt, an dem das Nichtstun kaum noch erträglich ist. Ich bin erholt und habe genug Nächte geschlafen, um alle aktuellen Stressthemen verarbeitet zu haben. Die Energie für meine Projekte kommt zurück, im Schlaf kommen jetzt neue Ideen. Es wäre der perfekte Moment, um den Urlaub zu beenden. Diese Phase kann ein paar Tage oder selten auch nur ein paar Stunden dauern und markiert den Wendepunkt: Geht die Erholung danach weiter, gewöhne ich mich an diese unproduktive Entspannung, die mich auf Dauer nicht glücklich macht. Aus dieser Gewöhnung nach Urlaubsende dann wieder aufzutauchen ist schwierig. Leider lassen sich die meisten Reisen aber nicht an einem beliebigen Punkt abbrechen. So verbrennen in den meisten Urlauben diese Energieschübe ungenutzt und die Rückkehr in einen produktiven Alltrag gestaltet sich anstrengender als notwendig.

Segelgedanken IV

Heute geht es um eine Wanderung, die mich glücklich gemacht hat. Kleine Warnung: Der Text könnte etwas länger werden.

Mein Tag beginnt, diesmal freiwillig, um fünf Uhr morgens. Ich ziehe los, um Vögel zu fotographieren. Doch trotz vieler schöner Vögel und einiger netter Bilder bin ich nicht zufrieden. Die Vögel, die ich eigentlich erwischen wollte (große weiße mit einem Löffelschnabel) standen für meinen Fotoapparat zu weit vom Ufer entfernt.
Gegen Mittag ziehe ich mit meiner Familie und geliehenen Fahrrädern los, um zu einer großen Düne am Meer zu fahren. Doch der Fahrradweg bringt uns nur in die Nähe. Etwa eine Stunde Fußweg von der Erhebung entfernt müssen wir entscheiden, ob wir mit den Rädern zurückfahren oder zu der Düne wandern. Es endet damit, dass ich alleine weitergehe. Als Ratschlag bekomme ich mit: “Vergiss nicht, dich hin und wieder umzusehen. Auf dem Rückweg sieht die Landschaft immer ganz anders aus”. Es mag ein kitschiger Gedanke sein, aber das Leben funktioniert eigentlich auch nicht anders: Im Rückblick sieht vieles ganz anders aus. Ich mache mich auf den Weg und laufe über schmale Trampelpfade durch eine Hügellandschaft. Immer wieder stehe ich an Kreuzungen. Nicht immer kann ich die Düne sehen, Karte gibt es keine, das Handy hat keinen Empfang. Ich nehme die Abzweigungen spontan und nach Gefühl und liege damit meistens auf Anhieb richtig. Etwa zehn Minuten, bevor ich die Düne planmäßig erreichen sollte, endet der Pfad an einem Dickicht aus überkopfhohen Sträuchern. Spätestens an diesem Punkt bin ich froh, alleine hergekommen zu sein. Viele Menschen, die ein klein wenig vernünftiger sind als ich, würden mich an dieser Stelle überzeugen umzukehren. Aber mich haben Sträucher als Kind nie gestört und in vielerlei Hinsicht bin ich ein recht kindischer Mensch. Umkehren kommt garnicht in Frage. Kennt ihr solche Punkte ohne Rückkehr? An denen aufgeben keine Option ist, weil es sich anfühlt, als müsste das Ziel erreichbar sein, weil garnichts anderes möglich ist?
Ich brauche 5 Anläufe, um mich durch das Gestrüpp zur Düne durchzukämpfen. Vom Ende der Weges, der auf einer kleinen Anhöhe liegt, ist es leicht zu sehen, wo ein Durchgang möglich sein muss. Doch sobald ich unten in den Sträuchern stecke fehlt mir jegliche Orientierungshilfe. Ich folge Pfaden, die andere Wanderer vor mir hinterlassen haben. Manche davon entspringen vielleicht auch nur meiner Einbildung. Sie alle enden, ohne ihr Ziel zu erreichen. Mein Gehirn kreist wieder um die Bedeutung von Wanderwegen als Metapher für das Leben und jetzt ergibt dieses Bild einen intuitiven Sinn.
Schließlich habe ich es geschafft: Ich stehe vor der großen Düne. Ein Gebiet, das sich durch Wind und Regen ständig verändert. Außer meinen eigenen ist nur noch ein einziges anderes paar Fußspuren zu sehen, das sich nach einigen Schritten im hartgebackenen Sand verliert. Ich renne beinahe über die Erhebung. Als ich auf eine der Spitzen klettere erfahre ich einen kleinen Anfall jener Euphorie, die die ersten Besteiger der 7000 und 8000 Meter Berge erlebt haben müssen. Der Umwerfende Ausblick aufs Meer und die einzigartige Sandlandschaft um mich herum bringen mich laut zum Lachen. Ich schreie meinen angesammelten Stress und die Müdigkeit der Wanderung über das Meer, als hätte ich den Verstand verloren. Aber in keiner Himmelrichtung ist ein Mensch zu sehen und so kann es niemand hören. Die Möwen kreisen über den sandigen Bergen, als probten sie für einen Auftritt als Alpenadler. Nur widerwillig mache ich mich nach einiger Zeit wieder an den Abstieg. Diesmal finde ich den Weg durch die Sträucher beim ersten Mal. Auf dem Rückweg muss ich daran denken, dass wir in unseren Leben nur sehr selten die Gelegenheit bekommen, den selben Weg zurückzugehen, den wir gekommen sind.
Irgendwann bin ich zurück bei meinem Fahrrad. Aber ich fahre noch nicht zurück zum Schiff. Stattdessen suche ich mögliche Stellen ab, an denen ich doch noch meine Vögel finden könnte. Chancen kommen meistens dann, wenn man nur lang genug nicht aufgibt und beim dritten Versuch finde ich die Löffelschnabler. Um sie richtig fotographieren zu können, wate ich ein Stück ins Watt hinaus. Als ich (bis über die Knöchel in schwarzem, schleimigem Dreck steckend) endlich meine Fotos machen kann, ist der Tag schließlich perfekt.

Segelgedanken I

Es ist der erste Tag des diesjährigen Segelurlaubs. Heute ist außerdem ein Tag, der mit wichtigen Kindheitsklischees bricht: Weder der Himmel noch das Wasser ist blau. Am Horizont türmen sich dunkel-stahlgraue Wolken und das Meer ist Trollgrün mit weißen Schaumkronen. Am Anfang scheint über uns noch die Sonne. Durch das Licht ziehen kleine weiße Vögel mit schwarzem Kopf, die aussehen wie kleine Möwen aber eigentlich keine sind. Wenig später beginnt es zu regnen, die Wellen werden ein klein wenig höher. Meine tierischen Instinkte denken wahrscheinlich, ich befinde mich in Lebensgefahr. Das würde diese angenehme Leere erklären, die sich in meinem Kopf ausbreitet. Während über und unter mir Wasser ist, denke ich nicht an das, was ich diesen Sommer noch zu erledigen habe. Gefühle jeder Art werden am Rande des Bewusstseins bis weit unter die Schmerzgrenze verdrängt. Übrig bleiben der Regen, der Wind und meine Faszination für diese unwirklichen Farben, für die Vögel, die sich an dem Wetter nicht zu stören scheinen… Es ist eine Flucht. Aber für den Augenblick tut sie gut und damit hat sie ihren Zweck wohl erfüllt.