Segelgedanken IV

Heute geht es um eine Wanderung, die mich glücklich gemacht hat. Kleine Warnung: Der Text könnte etwas länger werden.

Mein Tag beginnt, diesmal freiwillig, um fünf Uhr morgens. Ich ziehe los, um Vögel zu fotographieren. Doch trotz vieler schöner Vögel und einiger netter Bilder bin ich nicht zufrieden. Die Vögel, die ich eigentlich erwischen wollte (große weiße mit einem Löffelschnabel) standen für meinen Fotoapparat zu weit vom Ufer entfernt.
Gegen Mittag ziehe ich mit meiner Familie und geliehenen Fahrrädern los, um zu einer großen Düne am Meer zu fahren. Doch der Fahrradweg bringt uns nur in die Nähe. Etwa eine Stunde Fußweg von der Erhebung entfernt müssen wir entscheiden, ob wir mit den Rädern zurückfahren oder zu der Düne wandern. Es endet damit, dass ich alleine weitergehe. Als Ratschlag bekomme ich mit: “Vergiss nicht, dich hin und wieder umzusehen. Auf dem Rückweg sieht die Landschaft immer ganz anders aus”. Es mag ein kitschiger Gedanke sein, aber das Leben funktioniert eigentlich auch nicht anders: Im Rückblick sieht vieles ganz anders aus. Ich mache mich auf den Weg und laufe über schmale Trampelpfade durch eine Hügellandschaft. Immer wieder stehe ich an Kreuzungen. Nicht immer kann ich die Düne sehen, Karte gibt es keine, das Handy hat keinen Empfang. Ich nehme die Abzweigungen spontan und nach Gefühl und liege damit meistens auf Anhieb richtig. Etwa zehn Minuten, bevor ich die Düne planmäßig erreichen sollte, endet der Pfad an einem Dickicht aus überkopfhohen Sträuchern. Spätestens an diesem Punkt bin ich froh, alleine hergekommen zu sein. Viele Menschen, die ein klein wenig vernünftiger sind als ich, würden mich an dieser Stelle überzeugen umzukehren. Aber mich haben Sträucher als Kind nie gestört und in vielerlei Hinsicht bin ich ein recht kindischer Mensch. Umkehren kommt garnicht in Frage. Kennt ihr solche Punkte ohne Rückkehr? An denen aufgeben keine Option ist, weil es sich anfühlt, als müsste das Ziel erreichbar sein, weil garnichts anderes möglich ist?
Ich brauche 5 Anläufe, um mich durch das Gestrüpp zur Düne durchzukämpfen. Vom Ende der Weges, der auf einer kleinen Anhöhe liegt, ist es leicht zu sehen, wo ein Durchgang möglich sein muss. Doch sobald ich unten in den Sträuchern stecke fehlt mir jegliche Orientierungshilfe. Ich folge Pfaden, die andere Wanderer vor mir hinterlassen haben. Manche davon entspringen vielleicht auch nur meiner Einbildung. Sie alle enden, ohne ihr Ziel zu erreichen. Mein Gehirn kreist wieder um die Bedeutung von Wanderwegen als Metapher für das Leben und jetzt ergibt dieses Bild einen intuitiven Sinn.
Schließlich habe ich es geschafft: Ich stehe vor der großen Düne. Ein Gebiet, das sich durch Wind und Regen ständig verändert. Außer meinen eigenen ist nur noch ein einziges anderes paar Fußspuren zu sehen, das sich nach einigen Schritten im hartgebackenen Sand verliert. Ich renne beinahe über die Erhebung. Als ich auf eine der Spitzen klettere erfahre ich einen kleinen Anfall jener Euphorie, die die ersten Besteiger der 7000 und 8000 Meter Berge erlebt haben müssen. Der Umwerfende Ausblick aufs Meer und die einzigartige Sandlandschaft um mich herum bringen mich laut zum Lachen. Ich schreie meinen angesammelten Stress und die Müdigkeit der Wanderung über das Meer, als hätte ich den Verstand verloren. Aber in keiner Himmelrichtung ist ein Mensch zu sehen und so kann es niemand hören. Die Möwen kreisen über den sandigen Bergen, als probten sie für einen Auftritt als Alpenadler. Nur widerwillig mache ich mich nach einiger Zeit wieder an den Abstieg. Diesmal finde ich den Weg durch die Sträucher beim ersten Mal. Auf dem Rückweg muss ich daran denken, dass wir in unseren Leben nur sehr selten die Gelegenheit bekommen, den selben Weg zurückzugehen, den wir gekommen sind.
Irgendwann bin ich zurück bei meinem Fahrrad. Aber ich fahre noch nicht zurück zum Schiff. Stattdessen suche ich mögliche Stellen ab, an denen ich doch noch meine Vögel finden könnte. Chancen kommen meistens dann, wenn man nur lang genug nicht aufgibt und beim dritten Versuch finde ich die Löffelschnabler. Um sie richtig fotographieren zu können, wate ich ein Stück ins Watt hinaus. Als ich (bis über die Knöchel in schwarzem, schleimigem Dreck steckend) endlich meine Fotos machen kann, ist der Tag schließlich perfekt.

Segelgedanken I

Es ist der erste Tag des diesjährigen Segelurlaubs. Heute ist außerdem ein Tag, der mit wichtigen Kindheitsklischees bricht: Weder der Himmel noch das Wasser ist blau. Am Horizont türmen sich dunkel-stahlgraue Wolken und das Meer ist Trollgrün mit weißen Schaumkronen. Am Anfang scheint über uns noch die Sonne. Durch das Licht ziehen kleine weiße Vögel mit schwarzem Kopf, die aussehen wie kleine Möwen aber eigentlich keine sind. Wenig später beginnt es zu regnen, die Wellen werden ein klein wenig höher. Meine tierischen Instinkte denken wahrscheinlich, ich befinde mich in Lebensgefahr. Das würde diese angenehme Leere erklären, die sich in meinem Kopf ausbreitet. Während über und unter mir Wasser ist, denke ich nicht an das, was ich diesen Sommer noch zu erledigen habe. Gefühle jeder Art werden am Rande des Bewusstseins bis weit unter die Schmerzgrenze verdrängt. Übrig bleiben der Regen, der Wind und meine Faszination für diese unwirklichen Farben, für die Vögel, die sich an dem Wetter nicht zu stören scheinen… Es ist eine Flucht. Aber für den Augenblick tut sie gut und damit hat sie ihren Zweck wohl erfüllt.

Fortschritte…

Seit Monaten arbeite ich an der Gestaltung meines ersten Buches. Einer illustrierten Gedichtesammlung mit dem Titel “Mein schwarzes Herz”. Es macht langsam Fortschritte. Das Titelbild ist gemacht, alle anderen Bilder zusammengestellt, alle Gedichte korrigiert. Nun fehlt nur noch ein letzter Rest Layout, dann ist es soweit.

Auch ansonsten war und wird die Zeit eine spannende.
Noch immer laufen die Nachbereitungen meines Auslandsjahres. Wenn auch inzwischen etwas stiller nebenher. Es geht unter anderem um die Überweisung von Spendengeldern an die Projekte.
Zudem ist seit etwa einer Woche ein Comic auf einer Ausstellung zu sehen, der von meinem Kollegen gezeichnet und entworfen wurde und für den ich Teile der Texte geschrieben habe. Er wird unter der Kategorie “Geschichten” veröffentlich werden.

 

Titelbild von "Daydreams"

Titelbild von “Daydreams”

 

Gezwungener Hass

Wie wir uns zwingen, unser Leben zu hassen

Weg zum Fluss IIIm Grunde (und das hat schon mein Psychologielehrer immer gesagt) beginnt es in der Schule. Nein, das hier wird kein Angriff auf unser Bildungssystem. Aber trotzdem zeichnet sich Schule in gewisser Hinsicht durch einen Mangel an Wahlmöglichkeiten aus. Über den Sinn, die Notwendigkeit oder Unsinn dahinter, möchte ich hier nicht streiten. Aber trotzdem sorgt dieser Mangel dafür, dass man mit der Zeit so ziemlich fast alles zu hassen beginnt, was mit Schule zu tun hat. Allem voran natürlich Unterricht und Hausaufgaben.
Inzwischen habe ich ein Studium begonnen. Ein selbstgewähltes Fach. Nur noch Dinge, mit denen ich mich gerne beschäftige. Darauf habe ich mich gefreut, als ich von der Schule ging. Als ich nun vorgestern aber über meinem ersten Übungsblatt saß, bemerkte ich, dass in meinem Kopf ein seltsamer Streit stattfand. Ein Teil meines Unterbewusstseins, versuchte mich permanent daran zu erinnern, dass das, was ich tue (Übungsaufgaben) unangenehm für mich ist, weil es sich dabei nicht um eines meiner Hobbys handelt und weil es etwas ist, zu dem ich seit der Aufnahme meines Studiums in gewisser Weise verpflichtet bin. Doch wenn ich aktiv darüber nachdachte, fand ich das Übungsblatt eigentlich ganz in Ordnung. Es war einen Tätigkeit, die mir durchaus Spaß machte, solange sie nicht der einzige Bestandteil meines Lebens war.
Seitdem frage ich mich andauernd, wie oft ich mich selbst unbewusst dazu zwinge, meine Tätigkeiten, meine Tage oder auch mein ganzes Leben zu hassen ohne, dass es dafür tatsächlich einen Grund gibt.

Aufstehen und Zähneputzen

Ein ganz normaler Abend in unserer Studenten WG. Ok, nicht ganz, eigentlich Freiwilligen WG in Rumänien. Aber im Grunde ist es fast dasselbe.
Diskutiert wird mein Text „Eine Plastikschildkröte„ über das Caritasprojekt in dem ich arbeite und meine persönlichen Erfahrungen, die ich schildere.
Im Grunde gefällt meinen Kolleginnen der Text ganz gut, allerdings kritisiert eine von ihnen, bei der anderen weiß ich es nicht genau, die große Emotionalität, die die Geschichte ausstrahlt.
Was sich daraus ergibt ist vielleicht eine der wichtigsten Diskussionen, die ich in meinem Jahr in Rumänien geführt habe. Sie endet damit, dass ich entschlossen aufstehe und damit beginne, meine Zähne zu putzen. Mehr…

Das Wesen des Unklaren

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Ohne Titel (1895)

Durch dieses Land streifte er
Wie ein Geist von Tür zu Tür;
Seine Hände umklammerten eine Laute
Und ließen süß sie klingen;

In seinen verträumten Melodien
Konntest du wie einen Sonnenstrahl
Die Wahrheit selber spüren
Und auch himmlische Liebe.

Die Stimme ließ manches Herz schlagen,
Das zu Stein geworden war;
Sie erleuchtete manchen Geist
In entlegenster Dunkelheit.

Doch statt Verherrlichung,
Wo immer die Harfe gespielt wurde,
Bot der Pöbel dem Geächteten
Ein mit Gift gefülltes Gefäß…

Und sprach zu ihm: >>Trink, o Verfluchter,
Dies ist deine Bestimmung!
Wir wollen deine Wahrheit nicht,
Noch deine himmlischen Melodien!<<

Quelle: Niemals eine Atempause – Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert; von Joachim Sartorius; Autor des Gedichts: Josef Stalin (1878-1953).