Segelgedanken X

Der Urlaub endet, wie er begonnen hat: Mit einem stahlgrauen Himmel und trollgrünem Wasser. Das Meer ist unruhig, es regnet immer wieder. Weil ich die ganze Zeit am Steuer stehe, kann ich keine Fotos machen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, gibt es auch nichts zu sehen. Ich bin konzentriert, aber entspannt. Die Fotos in diesem Beitrag habe ich ausnahmsweise nicht am selben Tag geschossen, an dem ich den Text geschrieben habe. Stattdessen sind es nochmal Bilder von dem Tag, an dem ich meine Wanderung zur Düne unternahm.

Was mich beim Segeln immer wieder beeindruckt: Der ehrlich respektvolle Umgang der Sportler untereinander. Das gilt zumindest bei denen, die aus Leidenschaft und nicht als Statussymbol auf dem Wasser sind. Wann immer Boote aneinander vorbeifahren, grüßen die Menschen. Im Hafen beim Anlegen erlebe ich selbstverständliche Hilfsbereitschaft wie sonst selten. Es gibt nur eine andere Gruppe, von der ich ein solches Verhalten kenne: Leidenschaftliche Bergsteiger. Die beiden verbindet, dass es alte Tätigkeiten sind. In ihnen hat sich das Bewusstsein erhalten, dass man jederzeit selbst in (lebensgefährlichen) Schwierigkeiten stecken könnte. Und während ich mir ansehe wie nett Segler zueinander sind frage ich mich, ob diese Menschen sich an Land genauso verhalten. Ich hoffe es.

Morgen werden wir zurück nach Hause fahren. Dementsprechend ist dies mein letzter Eintrag in das Segeltagebuch. Und außer einer Menge Motivation, wieder in meine Projekte einzusteigen, nehme ich auch neue Inspirationen mit. In Tübingen wartet unterdessen schon neue Arbeit auf mich: Mein Freund Feuerwicht organisiert gerade eine Serie von Ausstellungen, an denen auch meine Gedichte teilhaben werden. Uns steht also eine spannende Zeit bevor.

Segelgedanken IV

Heute geht es um eine Wanderung, die mich glücklich gemacht hat. Kleine Warnung: Der Text könnte etwas länger werden.

Mein Tag beginnt, diesmal freiwillig, um fünf Uhr morgens. Ich ziehe los, um Vögel zu fotographieren. Doch trotz vieler schöner Vögel und einiger netter Bilder bin ich nicht zufrieden. Die Vögel, die ich eigentlich erwischen wollte (große weiße mit einem Löffelschnabel) standen für meinen Fotoapparat zu weit vom Ufer entfernt.
Gegen Mittag ziehe ich mit meiner Familie und geliehenen Fahrrädern los, um zu einer großen Düne am Meer zu fahren. Doch der Fahrradweg bringt uns nur in die Nähe. Etwa eine Stunde Fußweg von der Erhebung entfernt müssen wir entscheiden, ob wir mit den Rädern zurückfahren oder zu der Düne wandern. Es endet damit, dass ich alleine weitergehe. Als Ratschlag bekomme ich mit: “Vergiss nicht, dich hin und wieder umzusehen. Auf dem Rückweg sieht die Landschaft immer ganz anders aus”. Es mag ein kitschiger Gedanke sein, aber das Leben funktioniert eigentlich auch nicht anders: Im Rückblick sieht vieles ganz anders aus. Ich mache mich auf den Weg und laufe über schmale Trampelpfade durch eine Hügellandschaft. Immer wieder stehe ich an Kreuzungen. Nicht immer kann ich die Düne sehen, Karte gibt es keine, das Handy hat keinen Empfang. Ich nehme die Abzweigungen spontan und nach Gefühl und liege damit meistens auf Anhieb richtig. Etwa zehn Minuten, bevor ich die Düne planmäßig erreichen sollte, endet der Pfad an einem Dickicht aus überkopfhohen Sträuchern. Spätestens an diesem Punkt bin ich froh, alleine hergekommen zu sein. Viele Menschen, die ein klein wenig vernünftiger sind als ich, würden mich an dieser Stelle überzeugen umzukehren. Aber mich haben Sträucher als Kind nie gestört und in vielerlei Hinsicht bin ich ein recht kindischer Mensch. Umkehren kommt garnicht in Frage. Kennt ihr solche Punkte ohne Rückkehr? An denen aufgeben keine Option ist, weil es sich anfühlt, als müsste das Ziel erreichbar sein, weil garnichts anderes möglich ist?
Ich brauche 5 Anläufe, um mich durch das Gestrüpp zur Düne durchzukämpfen. Vom Ende der Weges, der auf einer kleinen Anhöhe liegt, ist es leicht zu sehen, wo ein Durchgang möglich sein muss. Doch sobald ich unten in den Sträuchern stecke fehlt mir jegliche Orientierungshilfe. Ich folge Pfaden, die andere Wanderer vor mir hinterlassen haben. Manche davon entspringen vielleicht auch nur meiner Einbildung. Sie alle enden, ohne ihr Ziel zu erreichen. Mein Gehirn kreist wieder um die Bedeutung von Wanderwegen als Metapher für das Leben und jetzt ergibt dieses Bild einen intuitiven Sinn.
Schließlich habe ich es geschafft: Ich stehe vor der großen Düne. Ein Gebiet, das sich durch Wind und Regen ständig verändert. Außer meinen eigenen ist nur noch ein einziges anderes paar Fußspuren zu sehen, das sich nach einigen Schritten im hartgebackenen Sand verliert. Ich renne beinahe über die Erhebung. Als ich auf eine der Spitzen klettere erfahre ich einen kleinen Anfall jener Euphorie, die die ersten Besteiger der 7000 und 8000 Meter Berge erlebt haben müssen. Der Umwerfende Ausblick aufs Meer und die einzigartige Sandlandschaft um mich herum bringen mich laut zum Lachen. Ich schreie meinen angesammelten Stress und die Müdigkeit der Wanderung über das Meer, als hätte ich den Verstand verloren. Aber in keiner Himmelrichtung ist ein Mensch zu sehen und so kann es niemand hören. Die Möwen kreisen über den sandigen Bergen, als probten sie für einen Auftritt als Alpenadler. Nur widerwillig mache ich mich nach einiger Zeit wieder an den Abstieg. Diesmal finde ich den Weg durch die Sträucher beim ersten Mal. Auf dem Rückweg muss ich daran denken, dass wir in unseren Leben nur sehr selten die Gelegenheit bekommen, den selben Weg zurückzugehen, den wir gekommen sind.
Irgendwann bin ich zurück bei meinem Fahrrad. Aber ich fahre noch nicht zurück zum Schiff. Stattdessen suche ich mögliche Stellen ab, an denen ich doch noch meine Vögel finden könnte. Chancen kommen meistens dann, wenn man nur lang genug nicht aufgibt und beim dritten Versuch finde ich die Löffelschnabler. Um sie richtig fotographieren zu können, wate ich ein Stück ins Watt hinaus. Als ich (bis über die Knöchel in schwarzem, schleimigem Dreck steckend) endlich meine Fotos machen kann, ist der Tag schließlich perfekt.

Segelgedanken III

Je länger ich darüber nachdenke, desto eher komme ich zu dem Schluss, dass mein gegenwärtiges Glück nicht der Grund für meine Teilnahme an diesem Urlaub ist. Ich kann mich erinnern, dass Segeln mich als Kind glücklich gemacht hat. Darum sage ich den Urlaub immer schon zu, bevor ich überhaupt nachdenke, ob er gerade das Richtige für mich ist. Segeln zu gehen ist eine Gewohnheit.

Das soll nicht unbedingt heißen, dass Segeln mich jetzt nichtmehr glücklich macht. Aber macht es mich glücklich? Und wenn ja, warum? Meistens kann ich sehr klar bestimmen, was mich am Glücklichsein hindert. Eine positive Aussage fällt mir schwerer. Es gibt Menschen und Tätigkeiten, die ich mit Glück verbinde und aufzählen könnte. Aber was haben sie gemeinsam? Gibt es überhaupt nur eine Form von Glück? (Antwort: Natürlich nicht).
Ich habe den Verdacht, dass ein Biologe aus dem richtigen Fachgebiet mir dazu mehr erklären könnte… und dass diese Erklärung bei mir, trotz ihrer Wissenschaftlichkeit, ein unvollständiges Gefühl hinterlassen würde.

Segelgedanken I

Es ist der erste Tag des diesjährigen Segelurlaubs. Heute ist außerdem ein Tag, der mit wichtigen Kindheitsklischees bricht: Weder der Himmel noch das Wasser ist blau. Am Horizont türmen sich dunkel-stahlgraue Wolken und das Meer ist Trollgrün mit weißen Schaumkronen. Am Anfang scheint über uns noch die Sonne. Durch das Licht ziehen kleine weiße Vögel mit schwarzem Kopf, die aussehen wie kleine Möwen aber eigentlich keine sind. Wenig später beginnt es zu regnen, die Wellen werden ein klein wenig höher. Meine tierischen Instinkte denken wahrscheinlich, ich befinde mich in Lebensgefahr. Das würde diese angenehme Leere erklären, die sich in meinem Kopf ausbreitet. Während über und unter mir Wasser ist, denke ich nicht an das, was ich diesen Sommer noch zu erledigen habe. Gefühle jeder Art werden am Rande des Bewusstseins bis weit unter die Schmerzgrenze verdrängt. Übrig bleiben der Regen, der Wind und meine Faszination für diese unwirklichen Farben, für die Vögel, die sich an dem Wetter nicht zu stören scheinen… Es ist eine Flucht. Aber für den Augenblick tut sie gut und damit hat sie ihren Zweck wohl erfüllt.

Strandspaziergang (29.08.2018)

An einem Tag voller Regen ging ich am Strand spazieren.
Es war noch früh am Abend, doch der Nebel schluckte das Sonnenlicht, sodass das Meer grau und schwer unter einem ausdruckslosen Himmel lag.
Es lagen einige langen Stunden hinter mir und so ließ ich meinen Blick und meine Gedanken über das Wasser bis zum Horizont wandern…

Strandspaziergang