Bild einer Stadt – Lyrics

Zwei kleine Anmerkungen vorweg: 1) Der deutsche Liedtext ist auf der zweiten Seite
2) Falls ihr den Beitrag über die #Behind_the_Lyrics Seite aufruft und euch die Schrift zu klein ist: Wenn ihr auf den Titel des Beitrags klickt wird die Schrift größer. 😉

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Ein Text für einen Traum

Bild einer Stadt ist nicht nur das erste Stück der Reihe. Es fällt auch aus einem anderen Grund auf. 15 Lieder hat Cataract of Dreams bisher geschrieben. Bild einer Stadt ist aber noch immer das einzige, das einen deutschen Text hat. Woran liegt das?

Es ist kein Geheimnis, dass ich keine gut ausgebildete Sängerin bin. Ich spiele Trompete seit ich acht oder neun bin. Mit vierzehn schrieb ich meine ersten Gedichte. Doch ich habe nie Gitarre oder Klavier gelernt und gesungen habe ich, wenn überhaupt, im Schulchor.
Gegen Ende der Mittelstufe entdeckte ich dann, dass singen für mich doch mehr ist, als nur ein Hobby. Im Abiturjahr lernte ich den Schlagzeuger kennen, der heute noch mit mir auf der Bühne steht. Und als ich nach einem Auslandsjahr nach Deutschland zurückkam, stand für uns beide fest, dass wir eine Band brauchen.

Kein Instrument zu beherrschen, das mehr als einen Ton gleichzeitig spielen kann, ist für meinen Zugang zur Musik Segen und Fluch zugleich. Ein Segen, weil ich nie in Versuchung kam, mich beim Melodienschreiben auf bekannte Akkordmuster zu verlassen. Ein Fluch, weil es mir den Zugang zum Songwriting allgemein erschwerte. Daher besuchte ich schon vor der Bandgründung ein sogenanntes Songwriting-Seminar. Dauer: Ein Wochenende. Ich erhoffte mir kreative Ideen, wie man ohne den typischen Singer-Songwriter-Ansatz ein Lied schreiben könnte. Tatsächlich fragte ich extra nach, ob es nötig wäre, Gitarre spielen zu können. – Angeblich war es nicht nötig. Hochmotiviert und einigermaßen naiv kam ich dort an. Doch schon in der ersten Theoriestunde war klar, dass mich das nicht weiterbringen würde. Wir lernten die Standard-Theorie der Akkorde fürs Liederschreiben. Danach zogen sich alle anderen mit ihren Gitarren oder ans Klavier zurück und schrieben Stücke. Ich fühlte mich… irgendwie überflüssig.
Zu sagen ich wäre enttäuscht gewesen, trifft es nicht ganz. Bodenlos frustriert wäre eine bessere Beschreibung. Aber ich wollte unbedingt auch ein Lied schreiben. Also tat ich das einzige, von dem ich wusste, dass ich es halbwegs konnte: Ich schrieb ein Gedicht. Auf Deutsch, denn so war ich es gewohnt. Allerdings hatte dieses Gedicht Strophen und man konnte es auf einen Vier-Vierteltakt sprechen.

In Bild einer Stadt finden sich daher einige Thematiken wieder, die ich damals für mich mit Frustration verknüpft waren und mir in dieser Stimmung also automatisch in den Sinn kamen. Sie sind kurz und prägnant, wenig elegant ausgeführt. Die Metapher mit den Schildern in der Stadt hatte ich schon vor dem Seminar geschrieben. Sie war motiviert von meiner Lebenssituation nach dem Abitur: Alle Türen standen offen. Aber niemand konnte mir sagen, was mich am Ende glücklich machen würde.
In der Schule fiel ich dadurch auf, dass ich schon recht früh wusste, was ich später studieren möchte. Zu Beginn der elften Klasse sagte ich meinem Physiklehrer, er dürfe mir den Spaß an diesem Fach nicht verderben, weil ich später Physik studieren würde. Und genau das hab ich auch getan. Allerdings hatte ich auch das Gefühl, dass die glatten Übergange, von der Schule ins Studium und dann in den Beruf, kreativere Werdegänge etwas auf der Strecke lassen. Damit meinte ich damals gar nicht unbedingt künstlerische Berufe, sondern eher das Ausleben von kleinen Träumen und Hobbys.

Weil unser Blick immer vorwärts strebt
und jeder Traum einfach untergeht.

Viel schlimmer aber fand ich die Einstellung mancher Erwachsenen zum Thema Glück. Oder wenigstens meinen damaligen Eindruck ihrer Einstellung: Nämlich alle schönen Dinge im Leben aufzuschieben. Im Beruf ist keine Zeit, Karriere ist wichtiger. Aber wenn die Arbeit mal vorbei ist, hat man endlich Zeit für all das, was man sein ganzes Leben schon tun wollte… Vorausgesetzt, dass man so lange lebt.

Weil unser Glück in der Zukunft liegt.
Weil für uns „Jetzt“ keinen Sinn ergibt.

In der zweiten Strophe kommt dann noch die allgemeine Kritik daran, dass Kreativität nur anerkannt wird, wenn sie einem produktiven Zweck dient.

Weil Fantasie strukturiert sein muss
und jeder lebt – völlig unbewusst.

Der letzte Abschnitt der zweiten Strophe liest sich nicht besonders elegant. Mit der Formulierung „weil nette Worte so selten sind“, war ich nie wirklich zufrieden. Sie klingt etwas naiv. Damals fiel mir, ehrlich gesagt, einfach keine bessere Variante ein. Der Satz drückt aber zwei Meinungen aus, die ich bis heute im Wesentlichen genauso vertrete:

Weil niemand sich noch selbst erkennt
und nette Worte so selten sind.

Manchmal haben Menschen eine geradezu absurde Angst, sich einander zu öffnen. Als müssten wir uns für unsere Persönlichkeit schämen und sie deshalb hinter Konventionen verstecken. Wir alle wissen auch wie schön es sein kann, überraschend etwas nettes gesagt zu bekommen. Es mag komisch sein, wenn es von einem Fremden kommt, aber wir freuen uns darüber. Trotzdem lassen wir andauernd gute Gelegenheiten verstreichen, um einander ehrliche Komplimente zu machen oder unseren Beistand auszudrücken. Warum eigentlich?

Bild einer Stadt wurde auf dem Seminar dann doch noch vertont. Mit der Hilfe einer jungen Frau, der ich, glaube ich, vor allem leidgetan habe. Unsere erste Besetzung von Cataract of Dreams spielte dann eine leicht geänderte Version mit Gitarren. Danach wurde das Stück noch zweimal umgeschrieben. Einmal für die Besetzung nur mit Gesang und Klavier und dann noch einmal für Klavier und Trompete. So hat mein erster richtiger Liedtext die ganze Entstehungsgeschichte von CatoD begleitet. Würde man für den Achtzehnten Geburtstag dieser Band ein Bilderalbum anfertigen wollen, so wären die Liveaufnahmen dieses Stückes über die Jahre ein guter Anfang.