Segelgedanken IX

Wir stehen auf einer Brücke über einer kleinen Werft und bewundern die hübschen kleinen Holzboote, die dort im Wasser liegen. Die nächsten Sätze kreisen darum, was so ein Boot wohl kostet, dass man damit auf dem Bodensee der absolute Star wäre und welches man sich kaufen würde. Auf dem Rückweg versucht jemand, seiner Partnerin ein Sitzpolster für ein Boot anzudrehen. Die Frau sagt sie will es nicht haben. Er erklärt ihr was das Ding für unglaubliche Vorteile hat. Warum müssen wir alles besitzen? Oder vielleicht gehen wir die Frage mal anders an: Wie oft war ich glücklich darüber, etwas zu kaufen? Und bei wie vielen Dingen bin ich wirklich glücklich darüber, sie zu besitzen?
Bei mir selbst lauten die Antworten auf die beiden Fragen: Oft und Überschaubar. Es gibt nicht vieles, über das ich wirklich froh bin, es zu haben. Die meisten Dinge sind in Ordnung, solange sie keine Schwierigkeiten machen und gehen mir danach auf die Nerven. Also woher kommt der Drang, sie besitzen zu müssen?

Segelgedanken V

Nicht jede Tätigkeit, die entspannt und / oder glücklich macht, tut dies für unbegrenzte Zeit. Und nicht alles was entspannt macht auch glücklich. Ich kann mich gut an Ferien erinnern, in denen ich nach wochenlangem Bücherlesen zwar erholt und nicht unglücklich, aber auch nicht explizit glücklich war. Stattdessen hatte sich eine eigenartige Betäubung in mich geschlichen, die eher daran hinderte, glücklichen Beschäftigungen nachzugehen. Aus einem solchen Tief wieder aufzutauchen braucht manchmal viel Kraft. Besonders dann, wenn der immer gleiche Ablauf zur Gewohnheit geworden ist.
Beim Segeln über das Wasser zu blicken und den ganzen Tag nichts zu tun, kann für mich eine solche entspannende aber lähmende Gewohnheit sein, die sich zum Glück spätestens am Ende des Urlaubs von selbst unterbricht. Aber ich glaube auch ein funktionierender Alltag kann eine solche Trance hervorrufen… was an sich nichts Schlechtes ist, da wir in ihr nicht unglücklich sind. Aber sie ist eben auch nichts explizit Gutes, weil sie uns in gewisser Weise die Chance nimmt, intensiveres Glück zu erleben.
Sobald ich eine längere Zeit in immer demselben Rhythmus vor mir habe, versuche ich daher, sehr wachsam zu sein. Ich will dem Auf und Ab der Tage folgen. Allerdings nur so lange, wie ich das Gefühl habe, dass ich die Entspannung nötig habe. Oder so lange, wie diese Tage Inspiration bereithalten. Dann möchte ich alle Kraft zusammennehmen und für etwas anderes, manchmal etwas neues, unterbrechen.

Segelgedanken II

Mein Tag beginnt unfreiwillig und unnötigerweise um fünf Uhr morgens. Weil ich vorher sowieso nicht mehr schlafen kann, mache ich also einen kleinen Spaziergang. Es ist kein Sonnenaufgang zu sehen, aber zwischen den Wolken hat der Himmel schon blaue Flecken. Ich denke daran, dass so ein morgendliches Foto für den Tagebucheintrag heute nicht schlecht wäre, sehe aber nichts, was ich gern fotographieren würde. Nichtmal Vögel sind unterwegs, nur irgendwo außer Sicht schreien ein paar Möwen. Auch nicht die passende Geräuschkulisse für einen romantischen Morgen, also lege ich mich wieder hin.

Meine Fotomotive finde ich, als wir gegen Mittag durch ein kleines Dorf laufen, das etwa so viele Einwohner hat, wie unser Nachbarsdorf zuhause. Es ist nur etwas hübscher. Nachdem kürzlich eine Bekannte die Frage aufstellte, weshalb Menschen überhaupt in Urlaub fahren, treibt mich der Gedanke häufiger um. Wieso eigentlich Urlaub? Ich hatte mich für halbwegs entspannt gehalten. Aber wenn ich darauf achte bemerke ich, dass mein Atem nicht ganz frei geht und ich dauernd die Kiefermuskeln anspanne. In Wahrheit bin ich also (noch?) nicht entspannter, als wenn ich zuhause auf dem Sofa liege und einen Film sehe, eher weniger. Trotzdem muss es ja irgendetwas geben, das mich an diesem Urlaub besonders glücklich macht. Denn sofern keine anderen Werte im Weg stehen, tun glaube ich die meisten Menschen ersteinmal das, was sie glücklich macht. Und welche anderen Werte könnten meine Entscheidung für Urlaub schon beeinflusst haben?