Segelgedanken X

Der Urlaub endet, wie er begonnen hat: Mit einem stahlgrauen Himmel und trollgrünem Wasser. Das Meer ist unruhig, es regnet immer wieder. Weil ich die ganze Zeit am Steuer stehe, kann ich keine Fotos machen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, gibt es auch nichts zu sehen. Ich bin konzentriert, aber entspannt. Die Fotos in diesem Beitrag habe ich ausnahmsweise nicht am selben Tag geschossen, an dem ich den Text geschrieben habe. Stattdessen sind es nochmal Bilder von dem Tag, an dem ich meine Wanderung zur Düne unternahm.

Was mich beim Segeln immer wieder beeindruckt: Der ehrlich respektvolle Umgang der Sportler untereinander. Das gilt zumindest bei denen, die aus Leidenschaft und nicht als Statussymbol auf dem Wasser sind. Wann immer Boote aneinander vorbeifahren, grüßen die Menschen. Im Hafen beim Anlegen erlebe ich selbstverständliche Hilfsbereitschaft wie sonst selten. Es gibt nur eine andere Gruppe, von der ich ein solches Verhalten kenne: Leidenschaftliche Bergsteiger. Die beiden verbindet, dass es alte Tätigkeiten sind. In ihnen hat sich das Bewusstsein erhalten, dass man jederzeit selbst in (lebensgefährlichen) Schwierigkeiten stecken könnte. Und während ich mir ansehe wie nett Segler zueinander sind frage ich mich, ob diese Menschen sich an Land genauso verhalten. Ich hoffe es.

Morgen werden wir zurück nach Hause fahren. Dementsprechend ist dies mein letzter Eintrag in das Segeltagebuch. Und außer einer Menge Motivation, wieder in meine Projekte einzusteigen, nehme ich auch neue Inspirationen mit. In Tübingen wartet unterdessen schon neue Arbeit auf mich: Mein Freund Feuerwicht organisiert gerade eine Serie von Ausstellungen, an denen auch meine Gedichte teilhaben werden. Uns steht also eine spannende Zeit bevor.

Segelgedanken VI

In einem guten Urlaub kommt für mich irgendwann der Punkt, an dem das Nichtstun kaum noch erträglich ist. Ich bin erholt und habe genug Nächte geschlafen, um alle aktuellen Stressthemen verarbeitet zu haben. Die Energie für meine Projekte kommt zurück, im Schlaf kommen jetzt neue Ideen. Es wäre der perfekte Moment, um den Urlaub zu beenden. Diese Phase kann ein paar Tage oder selten auch nur ein paar Stunden dauern und markiert den Wendepunkt: Geht die Erholung danach weiter, gewöhne ich mich an diese unproduktive Entspannung, die mich auf Dauer nicht glücklich macht. Aus dieser Gewöhnung nach Urlaubsende dann wieder aufzutauchen ist schwierig. Leider lassen sich die meisten Reisen aber nicht an einem beliebigen Punkt abbrechen. So verbrennen in den meisten Urlauben diese Energieschübe ungenutzt und die Rückkehr in einen produktiven Alltrag gestaltet sich anstrengender als notwendig.

Segelgedanken V

Nicht jede Tätigkeit, die entspannt und / oder glücklich macht, tut dies für unbegrenzte Zeit. Und nicht alles was entspannt macht auch glücklich. Ich kann mich gut an Ferien erinnern, in denen ich nach wochenlangem Bücherlesen zwar erholt und nicht unglücklich, aber auch nicht explizit glücklich war. Stattdessen hatte sich eine eigenartige Betäubung in mich geschlichen, die eher daran hinderte, glücklichen Beschäftigungen nachzugehen. Aus einem solchen Tief wieder aufzutauchen braucht manchmal viel Kraft. Besonders dann, wenn der immer gleiche Ablauf zur Gewohnheit geworden ist.
Beim Segeln über das Wasser zu blicken und den ganzen Tag nichts zu tun, kann für mich eine solche entspannende aber lähmende Gewohnheit sein, die sich zum Glück spätestens am Ende des Urlaubs von selbst unterbricht. Aber ich glaube auch ein funktionierender Alltag kann eine solche Trance hervorrufen… was an sich nichts Schlechtes ist, da wir in ihr nicht unglücklich sind. Aber sie ist eben auch nichts explizit Gutes, weil sie uns in gewisser Weise die Chance nimmt, intensiveres Glück zu erleben.
Sobald ich eine längere Zeit in immer demselben Rhythmus vor mir habe, versuche ich daher, sehr wachsam zu sein. Ich will dem Auf und Ab der Tage folgen. Allerdings nur so lange, wie ich das Gefühl habe, dass ich die Entspannung nötig habe. Oder so lange, wie diese Tage Inspiration bereithalten. Dann möchte ich alle Kraft zusammennehmen und für etwas anderes, manchmal etwas neues, unterbrechen.